Bericht: Hofnarren – Teil 3
Possenreißer zwischen Genie und Wahnsinn – Teil 3
Narrenschicksale
Die höfischen Alleinunterhalter waren stets von der Gunst ihrer Herren abhängig. Entweder man hatte einen Narren an ihm gefressen, oder er war der arme Hanswurst, auf dessen Kosten man sich nur lustig machte. Zwei Narrenschicksale, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, geben Einblicke in die Welt der herrschaftlichen Hofgesellschaften:
Ein ganz anderes Schicksal widerfuhr Jakob Paul Freiherr von Gundling, eine der schillerndsten Personen der preußischen Geschichte, am Hof des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. (1688–1740), wo man ein böses Spiel mit ihm trieb. Nach umfangreichem Studium wurde er 1705 als Professor für Geschichte und Politik an die Ritterakademie bestellt. König Friedrich Wilhelm I. ernannte den vielseitig gebildeten Gundling später zum Hofrat und Zeitungsreferenten und Kurzweiligen Tischrat. 1718 löste er Leibnitz als Präsidenten der Akademie der Wissenschaften ab, eine gesicherte Zukunft war vorgezeichnet. Doch seine unstillbare Alkoholsucht, gepaart mit einer etwas linkischen Haltung und der beispiellosen Weltfremdheit machte ihn zur tragischen Hofnarrenfigur.

Holzschnitt eines Narren, wie er gerade den König unterhält. Hierbei handelt es sich um Till Eulenspiegel, den berühmtesten Narren im deutschsprachigen Raum.
Hier liegt in seiner Haut
Halb Schwein, halb Mensch, ein Wunderding.
In seiner Jugend klug, in seinem Alter toll
Des Morgens voller Witz, des Abends toll und voll.
Bereits ruft Bacchus laut: Das theure Kind ist Gundeling
Diese Verse wurden mit der Einwilligung des Soldatenkönigs auf das Fass geschrieben. Als sich der lutherische Pfarrer weigert, eine derartige Trauerfeier abzuhalten, wird die Leichenrede kurzerhand von einem Mitglied des Tabakkollegiums gehalten. Einer zeitgenössischen Chronik ist zu entnehmen, dass “sein Leichenbegängnis äußerst lustig und seinem geführten Lebenswandel völlig angemessen war”.
Ende des Narrentums
Das Lachen der höfischen Gesellschaften über die Narrenspäße wurde weniger, und andere Formen der Unterhaltung rückten in den Mittelpunkt des Interesses. Verantwortlich dafür war die Epoche des Rokoko. Zartheit und Intimität bestimmten nicht nur die Architektur, sondern auch in zunehmendem Maße die zwischenmenschlichen Beziehungen. Keine derben Späße, keine einfältige oder wohldurchdachte Possenreißerei auf Kosten anderer, sondern Etikette und vornehme Noblesse waren gefragt.
Natürlich kam auch das Vergnügen nicht zu kurz: Neue “Spaßmacher” hielten die Obrigkeit bei Laune. Die deutschen Herrscher des zu Ende gehenden 17. Jahrhunderts hatten gut lachen – das Mätressenwesen im Reich setzte sich durch. Sogar die juristischen Fakultäten wurden bemüht, um es vor Kirche und Volk zu legitimieren. Fortan gehörte es zum guten Ton, eine oder sogar mehrere Zweitfrauen zu haben. Herrscher mit einer besonders engen Beziehung zu ihren Angetrauten hielten sich wenigstens eine “maitresse en titre”, um dem höfischen Anspruch gerecht zu werden. Aber diese Liebes- und Seelenmassage hatte ihren Preis: Mätresse zu sein, kam einem öffentlichen Amt gleich, hieß öffentliche Gleichberechtigung neben der Gattin und bedeutete, wichtiger Machtfaktor bei Hofe zu sein. Solche “Ämter” waren sehr diffizil und brachten bestimmt nicht die Lächerlichkeit und den Spott eines Hofnarren.
Im Kampf zwischen Damenherrschaft kontra Narrenfreiheit schlugen sich Könige und Fürsten auf die Seite des schönen Geschlechts. Als erster deutscher Herrscher verabschiedete sich der Preußenkönig Friedrich II. von seinem letzten Hofnarren. Er verfasste ein sehr ironisches Arbeitszeugnis für Karl Ludwig von Pöllnitz, seines Zeichens Kurzweiliger Tischrat am preußischen Hofe. Die Übergabe des Abschiedsbriefes erfolgte, nicht ohne Hintergedanken, am 1. April 1744. Das 18. Jahrhundert war aber auch die Epoche der europäischen Aufklärung. Getragen von so wichtigen Begriffen wie Vernunft, Humanität und Toleranz, entwickelte sich in Deutschland eine geistig-literarische Bewegung, die den Menschen zum selbständigen Denken und zu vernünftigen Einsichten erziehen sollte. Für Hofnarren war in dem einsetzenden Entwicklungsprozess kein Platz mehr. Die Geschichtsquellen geben Auskunft über viele Narrenschicksale in dieser Zeit des neuen Aufbruchs. Manche hatten sich in ihrer Hofzeit eine materielle Sicherheit geschaffen, andere wechselten in die Hoftheater, und manchen blieb sogar eine Zirkusmanege nicht erspart. Hier fanden Fürsten und Hofnarren wieder zueinander, als Weißclown und Dummer August.
Verfasst von Manfred Kühr
Quellen: Herausgegeben in der “Karfunkel – erlebbare Geschichte”, Ausgabe 49
Bilder und Texte: Die Bilder und Texte wurden uns mit der freundlichen Genehmigung der Karfunkel-Redaktion und des Autors, Manfred Kühr, zur Verfügung gestellt.

